| Zum nächsten Artikel Rudern auf der Achterbahn 100 Kilometer außergewöhnliches Regattaerlebnis und ruderische Herausforderung auf einem widerspenstigen Fluss: Impressionen einer exzentrischen Ruderregatta auf dem Rhein. Von Margit Mertens Der spitze, blaue Bug saust den Wellenkamm hinauf, ragt zwei Meter in die Luft, knallt dann mit lautem Klatschen auf das Wellental und wird von einem braunen Wasserschwall überrollt, als wollte die Welle das Boot versenken. Weiter, Schlag auf Schlag, treiben die vier Ruderer ihr 78 Zentimeter breites Boot über den Rhein. Scheinbar mühelos. Am Ufer beobachten Zuschauer fasziniert, wie der Steuermann den Vierer zwischen dem dicht unter Land fahrenden Frachtschiff und dem Ufer hält. Unweigerlich saust der Bug wieder über der Heckwelle des Bergfahrers weit ins Leere und taucht klatschend in die nächste Welle. Ein lautes Hupsignal ertönt. Am Ziel. Im vergangenen Jahr erreicht das Siegerboot nach fünf Stunden und 20 Minuten das Bonner Rheinufer, Ende des 100-Kilometer-Marathons über Deutschlands größten Strom. Die Mannschaft, DynaMix Bonn, klettert auf den Steg, nass vom Kopf bis in die Turnschuhe. Die zwei Frauen und drei Männer scheinen nicht wirklich erschöpft. Sie lachen, als der Moderator sie schon beim Aussteigen per Mikro nach ihren Erlebnissen fragt. “Ich bin froh, dass ich ein Sitzpolster dabei hatte”, sagt Barbara Gräfs, “dann tut der Hintern nicht ganz so weh.” Geregnet habe es viel, Gegenwind und die davon aufgepeitschten Wellen hätten verhindert, den eigenen Rekord von unter fünf Stunden zu brechen. “Die Bedingungen waren heute sehr schwierig”, meint Ted Drews, ” trotzdem hat es Spaß gemacht.” Spaß! Fünf bis, im langsamsten Boot, knapp acht Stunden ohne Pause bei neun Grad, Dauerregen und heftigem Gegenwind immer mit dem Rücken zur Fahrtrichtung durch die Rheinwellen zu preschen, dabei dem regen Verkehr der Großschifffahrt, Querströmungen, gefährlichen Untiefen und ungezählten Bojen ausweichen zu müssen, scheint tatsächlich Spaß zu machen, zeigt die kontinuierlich gestiegene Teilnehmerzahl dieser exzentrischen Ruderregatta am ersten Mai-Samstag. Kamen 1992 auf Einladung des Bonner Ruder-Vereins noch 30 Boote zur ersten Europäischen Rheinregatta, kurz Eurega genannt, fuhren letztes Jahr 380 Ruderer in 76 Booten mit. “So viel wie nie zuvor”, freut sich Regattaleiter Harald Epskamp. “Das zeigt, dass sich dieser ausgefallene und anspruchsvolle Rhein-Marathon in der Regattaszene etabliert.” “Es ist auch schön”, beschreibt der Franzose Jean Renault vom Ruderclub “Régates Messines” seine ersten Eurega-Eindrücke von 1998. “Es führt durch den romantischen Teil des Rheins, in dem der Herr für seine Töchter, die Wellen, ein luxuriöses Bett in den Felsen gegraben hat, bezogen mit neogothischen Schlössern, einsamen Ruinen auf Felsspitzen und prunkvollen Städtchen.” Nichts, begeistert sich Renault, sei der Perspektive des Ruderers, nämlich die des Flusses, ebenbürtig, die Ufer zu erkunden. Romantisch gestaltet sich auch der Vorabend der Regatta. Hoch droben auf der Aussichtsterrasse der Loreley treffen im Laufe des Freitags Ruderer aus ganz Deutschland ein. 30 Städte, vom Chiemsee bis Kiel, von Berlin bis Aschaffenburg, und viele aus NRW sind vertreten. Am weitesten gereist sind zwei Mannschaften aus Oxford, vermisst werden diesmal Ruderer anderer Nationen. Alle zahlen ihre Reise selbst, teils haben sie dafür Urlaub genommen. Hier hat niemand einen Sponsor im Rücken oder wird von einem Verband finanziert. Alte Bekannte treffen sich wieder, Neulinge beschnuppern die Konkurrenz, alle genießen entspannt die Abendstimmung auf dem wohl meist besungenen Felsen Deutschlands vor der weiten Kulisse des kurvenreich und scheinbar so ruhig strömenden Flusses. Spontan schwingt sich Jessica Mertens, DynaMix-Schlagfrau, auf der Mauer über dem Abgrund in den Handstand: Fototermin für die Regatta-Zeitung zu Kästners Gedicht vom “Handstand auf der Loreley”. Aus Holzleisten, Plastikplanen und reichlich Paketband haben die Mannschaften zuvor im Hafen zum Teil skurile Wellenbrecher gebastelt. “Mehrere Boote waren mit martialisch anmutenden Bugaufbauten geschützt”, erinnert sich Marcus Brodeßer von der Rudergesellschaft Wiesbaden-Biebrich an seinen ersten Eindruck. “Wir bewerteten diese Konstruktionen in erster Linie als psychologische Kriegsführung. Fehlte bloß der Totenkopf-Wimpel am Heck.” Auf 60.000 Meter schätzt ein findiger Rechner des Bonner Veranstalters das dafür in elf Jahren verklebte Tape. Andere Ruderer füllen große Kanister mit Energie-Getränken und tauschen Tipps über den besten Power-Mix aus. Gereon Max von DynaMix schwört auf simple Apfelschorle. In diesem für den Rekord intensiv trainierten Boot trinkt jeweils nur der stündlich wechselnde Steuermann über einen Schlauch in den Mund, damit die Hände frei bleiben für die Steuerleine. Im Dunkeln dampfen Spaghetti in riesigen Töpfen, um die Sportler auf der Loreley mit Kohlenhydraten für das morgige Rennen zu versorgen. Auch Bier und Rheinwein finden Abnehmer. Diese Ruderer sind teils ehrgeizige Wettkämpfer, suchen anspruchsvolle Herausforderung und außergewöhnliches Regatta-Erlebnis auf einem widerspenstigen Strom, aber sie genießen auch die gemeinsame Vorfreude darauf – mit und ohne Ambition auf einen Sieg. “Wir haben gestern eine gemütliche Wanderfahrt gemacht und die Boote her gerudert”, erzählt Andreas Biniecke aus Wiesbaden beim Bier. “Das ist wie ein kleiner Urlaub.” Am zweiten Tag dieses ‘Urlaubs’ wird seine Mannschaft in 6:20 Stunden 100 Kilometer rudern und den dritten von elf Plätzen in der Männer-Klasse belegen. Samstag morgen: 25 Vierer mit Steuermann liegen im Schutzhafen von St. Goarshausen und warten auf das Startsignal. Das ertönt ab 9 Uhr im 30-Sekunden-Takt. Renault schildert seine erste Begegnung mit dem launischen Rhein, auf den er mit mündlicher und schriftlicher Sicherheitseinweisung vom Veranstalter ausführlich vorbereitet wurde: “Wir haben nicht sofort verstanden. Erst in der Strömung haben wir verstanden. Jetzt war es natürlich zu spät, um wegzulaufen. Aber im Moment der Begegnung mit den echten Wellen, in einem wahren Gewirr von Strömungen und Gegenströmungen ist es überaus beruhigend zu wissen, man hat alle Zeit der Welt, sich daran zu gewöhnen. Das Rennen ist lang.” Auch Brodeßer findet die Rheinwellen ein ganzes Stück höher als in Biebrich. “Wir stellten bald fest, dass wir schon von einigen alten Hasen überholt wurden – vielleicht sollten die Bugaufbauten doch nicht in erster Linie den Gegner einschüchtern?” Diese selbst gebauten Wellenbrecher verhüten, dass allzu viel Wasser ins Boot schlägt und es versenkt. Ohne die Wellenbrecher müssten die Gig-Vierer – Rennboote sind bei dieser Regatta nicht zugelassen – bei jeder Schiffsbegegnung Ruder Halt machen und warten, bis sich das Wasser beruhigt. Aber auch diese Aufbauten können nicht verhindern, dass die Steuerleute neben steuern, essen und trinken vor allem pumpen müssen. “Das mit der Abdeckung hatte ich mir anders vorgestellt”, berichtet Bugmann Detlef Stender. “Eigentlich hat sie nur dazu geführt, dass mich das Wasser weiter oben getroffen hat, nicht wie sonst auf die Beine schwappte, sondern kontinuierlich direkt über den Kopf.” Seine Mannschaft hat wie 53 andere Boote die 45-Kilometer-Variante ab Neuwied gewählt und erreicht nach 2:46 Stunden als dritter Männer-Vierer, 15 Minuten hinter dem erstplazierten Osnabrücker Ruderverein, das Ziel. Nass und müde legen die knapp 400 Ruderer in Bonn an, nur wenige hatten Augen für die Schönheit des romantischen Mittelrheintals, dennoch schauen viele Frauen, Männer, Schülerinnen und Senioren stolz und begeistert aus. “Das ist klasse, so durch die Wellen zu brettern”, strahlt Bettina Horst. “Ein völlig anderes Rudergefühl. Abenteuerlich. Wie Achterbahn fahren.” Für sie und ihren Damen-Vierer, absolut chancenlose Neulinge, steht fest: “Nächstes Jahr rudern wir wieder mit. Aber dann wird vorher trainiert.” Nass und stolz ist auch der elfjährige Johannes Kinast, der über vier Stunden lang auf dem Steuersitz des einen der zwei Familien-Vierer, Eltern mit ihren Kindern, saß. Er lag nur zwei Minuten hinter dem Boot, das sich selbst als Champagner-Klasse definiert und versucht, dem Namen gerecht zu werden. Behutsam, fast zärtlich hält der Oxforder Geoff Tyrell aus dem mit 6:39 Stunden schnellsten Riemenboot auf 100 Kilometern seine schwergewichtige Trophäe in der Armbeuge: einen als Preis designten, gut drei Kilogramm schweren, echten Rhein-Basaltquader, wie sie gewöhnlich zur Befestigung der Ufer und Kribben benutzt werden. “Die Oxforder in ihrer traditionellen Riemen-Klasse sind immer wieder das Highlight der Eurega”, sagt Epskamp. “Riemen auf 100 sehr bewegten Rhein-Kilometern statt auf der glatten Themse – eine echte Leistung.” <<<<<<< Kasten Ergebnisse >>>>>>>
Bericht 2002
100 Kilometer
Männer: Ruderriege Uni Karlsruhe, 5:46:28
Frauen: GTRV Neuwied / Akademischer Ruder-Club “Rhenus” Bonn, 6:53:06
Mixed: DynaMix Bonn, 5:20:53
Riemen: Oxford, 6:39:00
Mindestalter 40: Ruder-Club Rastatt / Mülheimer Wassersport e.V. Köln / RGF Lehrte, 5:48:00
45 Kilometer
Männer: Osnabrücker Ruderverein, 2:31:40
Frauen: Siegburger Ruderverein, 3:00:58
Mixed: Bonner Rudergesellschaft, 2:44:43
Riemen: Bonner RG, 2:39:23
Mindestalter 40: Kölner Club für Wassersport, 2:42:46
Verein mit den meisten Teilnehmern: Düsseldorfer Ruderverein